Zugegeben: Der Trainer hat mir schon so Einiges beigebracht in meiner noch sehr jungen Fotografen-Laufbahn. Aber mal unter uns: Habt Ihr schon kapiert, welche der ganzen Automatiken Eurer Kamera Ihr verwenden dürft, ohne dabei vom Chef zum Knipser degradiert zu werden?
Die Blümchen-, Portrait- und Sportler-Programme sind tabu. Is klar. Aber was ist mit Programm-Automatik, Zeit-Automatik, und Blenden-Automatik? Neulich hab ich sogar gelesen, richtige Könner fotografieren nur mit manueller Einstellung. Da war ich erst mal ganz schön down.
Wenn nur manuell das „Wahre“ ist, warum bauen Canon, Nikon und Co. dann überhaupt so viele andere Programme selbst in Profi-Kameras ein? Falls der Gärtner auch mal `nen Schnappschuss machen will? Oder um uns zu verwirren, und nach dem Studium der 470-Seitigen Bedienungsanleitung komplett in den Wahnsinn zu treiben? Wohl kaum. Nach `nem gepflegten Bierchen mit dem Trainer bin ich jetzt etwas schlauer:
Hauptsache richtig belichtet …
Die Belichtung wird bestimmt durch Blende und Verschlusszeit (Die ISO lassen wir mal Aussen vor - sonst wird‘s zu kompliziert….).Und es spielt erstmal keine Rolle, ob Ihr aus Eurer Erfahrung die Werte eingestellt habt oder den Belichtungsmesser der Kamera zur Hilfe nehmt. Wenn die richtige Belichtung mit Blende 8 und einer Verschlusszeit von 1/250 sek. erreicht wird, dann ist das eben so. Ist doch vollkommen Wurst, ob ich manuell alles eingestellt habe, oder mir die Programm-Automatik geholfen hat. Hauptsache das Bild ist richtig belichtet. Und darauf kommt es doch an. Oder habt Ihr schon mal bei einer Ausstellung gesehen, dass da steht: Manuell belichtet!? Jetzt sagt bloß nicht „Doch, klar…“
Wenn es also keine Rolle spielt, wozu dann noch die ganzen anderen Automatiken? Tja, da hat mir der Trainer klar gemacht, dass man eben abhängig vom Motiv und auch seinen eigenen Vorlieben die passende Einstellung wählen kann. Was passend ist hat er mir dann erklärt:
Programm-Automatik
Entspannt zurücklehnen und sich nur auf die Bildkomposition konzentrieren. So könnte man zunächst die Programmautomatik beschreiben. Schließlich nimmt die Kamera einem alle wichtigen Entscheidungen ab. Ein paar schlaue Köpfe in den Entwicklungs-Abteilungen der Kamera-Hersteller haben sich einen Haufen möglicher Aufnahme-Situationen ausgedacht.
Drückt Ihr auf den Auslöser, wählt die Kamera automatisch eine Kombination aus Blende und Verschlusszeit, die einen guten Kompromiss darstellt: Die Blende möglichst weit geschlossen für viel Schärfentiefe (wer‘s nicht kennt: was wird vor und hinter meinem Hauptmotiv noch alles scharf) und die Verschlusszeit möglichst kurz, um Unschärfe durch Verwacklung vorzubeugen. Klingt logisch. Deswegen nutzen viele Einsteiger ja auch diese Funktion - und können sich oft gar nicht mehr trennen.
Tja, schade auch. Oder: zum Glück für uns anspruchsvolle Fotografen. Denn wie war das noch: Kompromiss? Moment! Ich geb‘ mein mühsam Erspartes her, um mir einen 2000-Euro Boliden zu leisten. Und dann soll ich Kompromisse eingehen? Kommt mir gar nicht in die Tüte!
Aber ich habe ja Verständnis: Woher sollen die Jungs und Mädels in den Entwicklungs-Abteilungen bitte wissen, welche ober-coolen Motive ich vor die Linse bekomme, wenn ich mit dem Trainer unterwegs bin? Vermutlich wissen die nicht mal, wie Kgalagadi Transfrontier Park geschrieben wird, geschweigedenn, wo der liegt? Und woher sollen sie dann wissen, welche Belichtungsverhältnisse dort vorherrschen? Geht nicht ….
Die Programmautomatik ist also nur so gut, wie man es ihr beigebracht hat. Hand auf‘s Herz Leute: Ihr seit doch wohl besser als so‘n oller schwarzer Kasten, oder?
Jetzt hör‘ ich schon die ersten Kommentare von ein paar fleißigen Bedienungsanleitungs-Lesern anfliegen. Ja, richtig: Man kann auch bei Programmautomatik die vorgeschlagene Kombination aus Blende und Verschlusszeit verschieben. So erreicht man etwa eine kürze Verschlusszeit für Motive in Bewegung. Wird die Verschlusszeit um eine Blendenstufe verkürzt, öffnet die Kamera automatisch die Blende um eine Stufe, und mit der Belichtung ist wieder alles in Butter. Anders herum klappt das auch: Eine weiter geschlossene Blende für Landschafts-Bilder mit großer Schärfentiefe führt zur längeren Verschlusszeit. Aber eben immer alles Vollautomatisch.
Der Trainer mag Sie ja nicht. Eben weil die Kamera die volle Kontrolle übernimmt. Aber unter uns Leute: Die Programm-Automatik arbeitet doch verdammt gut, findet Ihr nicht? Man muss sich um nichts kümmern. Zumindest was die Belichtung angeht. Und jede Wette: Die Automatik trifft die richtigen Werte häufig genauer als mancher „ernsthafter“ Amateur, der sich wie der Trainer weigert, sie zu benutzen. Ich jedenfalls finde es ganz und gar nicht verwerflich, ab und an auch mal die Programm-Automatik zu nutzen.
Sie bietet mir zwar nicht so viel Kontrolle wie die manuelle Einstellung oder die anderen beiden Halb-Automatiken. Aber wenn ich mich mal wieder unsicher fühle, oder die Lichtverhältnisse schneller wechseln als ich denken kann, dann schalte ich doch gerne mal auf P. Der Trainer muss es ja nicht gleich mitkriegen. Und Ihr verratet mich auch nicht, oder?
Zeitautomatik und Blendenautomatik
Wenn Ihr selber Pfote anlegen wollt und Euch ein bisschen Gehirnjogging vor der Aufnahme zutraut, um die Belichtung genauer zu kontrollieren, dann seid Ihr mit der Zeit- oder Blendenautomatik gut bedient. Hier stellt Ihr eine der beiden Komponenten der Belichtung ein, und Eure Kamera wählt automatisch einen Wert der anderen Komponente, um das Bild richtig zu belichten.
Der Buchstabe A steht für das englische Wort „Aperture Priority“. Das ist die Zeitautomatik.
Ihr wählt manuell eine Blende (=Aperture) aus, die Euch die gewünschte Schärfentiefe ins Bild zaubert. Die Verschlusszeit wählt die Kamera automatisch. Deswegen heißt es Zeit-Automatik.
Der Buchstabe S steht für das englische Wort „Shutter Priority“. Das ist die Blendenautomatik. Diesmal wählt Ihr die Verschlusszeit vor (Verschluss=Shutter). Egal, ob Ihr mit einer kurzen Verschlusszeit schnelle Bewegungen einfrieren wollt, oder mit einer langen Verschlusszeit auf dem kreativen Wischer-Trip seit: Die Kamera findet für Euch die passende Blende.
Aber aufgepasst, Leute! Bei der Zeitautomatik rutscht die Verschlusszeit gerne schon mal in den Keller, wenn Ihr bei düsterem Licht auch noch die Blende schließt. Ohne Stativ wird das nix, es sei denn, ihr habt so richtig entspannte Pfoten und könnt die Kamera ruhig halten.
Ein anderes Problemchen lauert bei der Blendenautomatik auf Euch: Denkt daran, dass die Kamera die Blende nur so weit öffnen kann, wie es die Lichtstärke von Eurem Objektiv erlaubt. Und habt ein Auge drauf, wenn die Anzeige der eingestellten Blende im Sucher hektisch anfängt zu blinken. Spätestens jetzt solltet Ihr Euch doch mal über eine etwas längere Verschlusszeit-Vorgabe Gedanken machen.
Ihr seht, so ganz ohne Grips gehts hier schon nicht mehr. Und es geht noch weiter…
Jetzt sucht die Kamera also automatisch den passenden Wert zu Eurer Voreinstellung. Aber welchen Wert soll Sie nur nehmen? Wie soll das Ergebnis aussehen? Da die Kamera keine Gedanken lesen kann, wählt Sie einen Wert, bei dem die Tonwerte im Ergebnis einem mittleren Grauton entsprechen. Das ist so, weil viele Motive eben diesem mittlerem Grauton entsprechen, wenn man ihre Farben in schwarz-weiß darstellen würde. Darum ist der Belichtungsmesser der Kamera auf den mittleren Grauwert eingestellt.
Wenn Euer Motiv jetzt heller oder dunkler ist als der Mittelwert, könnt Ihr mit der Belichtungskorrektur die Belichtung ganz einfach korrigieren. Eine Plus-Korrektur macht das Bild heller, eine Minus-Korrektur macht es dunkler. Dabei verändert die Kamera immer den Wert, den Sie automatisch dazu gewählt hat. Bei Blendenautomatik wird also die Blende verändert, bei Zeitautomatik die Zeit. Logisch, oder?
Zwar kann man diese Belichtungs-Korrektur auch bei der Programm-Automatik verwenden. Der Trainer meint aber, dass die Ergebnisse dabei nicht so gut werden wie bei der Zeit- oder Blendenautomatik, weil die Programmautomatik nicht immer auf den mittleren Grauwert abzielt. Die Kameras werden immer intelligenter, und sie erkennen inzwischen teilweise, dass Ihr z.B. eine Nachtszene fotografiert, die dann dunkler belichtet wird, oder eine Schnee-Landschaft, die dann automatisch heller belichtet wird.
Am Besten, Ihr probiert’s mal aus. Der Trainer hat mir jedenfalls empfohlen, die Belichtungs-Korrektur nur bei Blenden- oder Zeitautomatik zu verwenden. Aber mal ganz unter uns: Wenn Ihr fit seit im Histogramm-lesen, könnt Ihr in null komma nix herausfinden, wie Eure Belichtung korrigiert werden muss. Und das klappt auch mit Programmautomatik. Echt.
Wollt Ihr die Belichtung übrigens komplett manuell Einstellen, also Blende und Verschlusszeit selber vorgeben, könnt Ihr die Belichtungskorrektur-Funktion der Kamera vergessen. Sie funktioniert da nämlich nicht …
Ob Ihr Euch letztendlich für Zeitautomatik oder Blendenautomatik entscheidet, hängt von Eurer ganz persönlichen Vorliebe für die Bedienung der Kamera ab. Fotografiert Ihr häufiger Vögel im Flug, und seid dabei auf eine möglichst schnelle Verschlusszeit angewiesen, dann nehmt die Blendenautomatik. Wählt eine Zeit vor, bei der Ihr wißt, das Euer König der Lüfte auch schön scharf rüberkommt. Um die Blende kümmert sich die Kamera.
Steht Ihr vor einer imposanten Landschaft, und wollt möglichst viele Details scharf ablichten, dann nutzt die Zeitautomatik. Wählt einfach die Blende vor, und auch hier kümmert sich die Kamera wieder um den Rest. Wie Ihr Euch auch entscheidet: Mit de Zeitautomatik oder der Blendenautomatik habt Ihr allemal mehr Kontrolle über Eure Belichtung als mit der Programmautomatik. Und mit Einsatz der Belichtungskorrektur werden die Ergebnisse richtig klasse, ohne sich zu sehr das Hirn zu zermartern, welche Kombi aus Zeit und Blende denn bei manueller Einstellung optimal wäre.
Manuell - muss das wirklich sein?
Zu guter Letzt haben wir ja noch die manuelle Einstellung.
Wie das Wort schon sagt, muss man sich hier um alles selber kümmern. Wenn ich mich jetzt mal vor den Spiegel stelle und mir tief in die Augen blicke: Ich kümmer mich ja nicht mal selbst um die Essens-Beschaffung. Da werd` ich bestimmt jetzt nicht anfangen, jedesmal zu bangen, ob meine Belichtung auch passt, nur weil ich zu stolz bin, mit irgend einer Automatik zu arbeiten. OK, immerhin hilft mir die Kamera noch ein ganz klein wenig. Der Belichtungsmesser verrät mir ja, ob ich daneben liege. Mehr aber auch nicht.
Wenn ich jetzt mal an ein paar Familien-Fotos denke: Die Bande liegt normalerweise faul im Schatten und bewegt sich kaum. Da wär schon genügend Zeit, die Belichtung ganz manuell einzustellen. Aber wehe, die Mädels werden hungrig und fangen an zu jagen. Da ist aber vorbei mit der Ruhe. Und ich bin froh, wenn mir die Kamera ein wenig unter die Arme greift.
Andererseits: Bei Zeit- und Blendenautomatik muss ich mich um 2 Dinge kümmern:
Zum einen muss ich Blende oder Verschlusszeit vorgeben, zum Anderen unter Umständen die Belichtung korrigieren. Bei manueller Einstellung muss ich ebenfalls 2 Werte im Auge behalten: Eben Blende und Verschlusszeit.
Was nimmt man denn nun?
Wie man`s auch dreht: An den 2 Werten zur Einstellung der richtigen Belichtung kommt man nicht vorbei. Je vertrauter einem egal auch welche Methode ist, desto zuverlässiger werden die Ergebnisse passen.
So nutzt der Trainer fast ausschließlich die Zeitautomatik. Egal, was er garade fotografiert. Er mag nicht umdenken, was er denn gerade vorgibt. Die Belichtung steuert er ausschließlich durch Vorwahl der Blende. Er spricht immer was von „kreativer Bildgestaltung“. Das erklär ich Euch aber ein anderes Mal. Jedenfalls, wenn er `ne kurze Verschlusszeit braucht, blendet er einfach auf. Und braucht er mehr Schärfentiefe, blendet er einfach ab.
Wenn ich seit 20 Jahren die Einstellung so verwenden würde, gäb‘s für mich allerdings auch keinen Grund etwas zu verändern - scheint bei Ihm ja auch ganz gut zu klappen….
Egal, ob Ihr Euch für Programm-, Zeit- oder Blendenautomatik, oder die manuelle Belichtungssteuerung entscheidet: Überlegt Euch, was Ihr fotografiert, und welche Methode eher Eurem Stil entspricht.
Falls Ihr gerade anfangt, lasst Euch nicht belächeln, nur weil Ihr die Programm-Automatik nutzt. Und wenn Ihr schon fortgeschritten seit, dann probiert doch mal aus, was Euch am ehesten liegt. Denn dafür gibt es Sie ja schließlich. Die Kamerahersteller bieten Euch 4 unterschiedliche Wege zum Ziel. Was Ihr nutzt, und womit Ihr ganz persönlich klarkommt, ist letztendlich nur eine Frage der Einstellung …
Tutaonana, Euer Fahim