Die Nikon D700 im Praxistest
19.November 2008 von Bjoern Langlotz
aus der Rubrik Tests
Die Mitte 2008 vorgestellte Nikon D700 definiert mit dem von der D3 geerbten Sensor mit 12.1 MP im FX-Format eine vollkommen neue Kameraklasse im Nikon-Sortiment. Sie ist die erste Kamera mit Vollformatsensor, die nicht im Gewand eines kompromisslosen Profis daher kommt. Wir haben die Kamera für Sie in der Praxis kurz angetestet.
Das Gehäuse
Im Vergleich zur D3 fällt zunächst das kompakte Gehäuse auf, das nicht zufällig an die D300 erinnert, jedoch aufgrund des deutlich größeren Suchergehäuses sofort das Innenleben verrät – einen Vollformat-Chip. Im Gegensatz zur D3 fehlt der D700 der eingebaute Hochformathandgriff, der mit dem MB-D10 nachgerüstet werden kann. Bei Verwendung dieses Handgriffs und einem darin eingesetzten EN-EL4a bzw. 8 Mignon-Akkus, wird die Serienbildgeschwindigkeit der D700 wie die der D300 von 5 auf 8 Bilder in der Sekunde beschleunigt – nicht ganz D3 Niveau. In der Praxis konnte dieser Unterschied jedoch kaum festgestellt werden. Im Vergleich zur D300 kann die D700 diese hohe Serienbildgeschwindigkeit jedoch wie die D3 mit einer Datentiefe von 14 bit pro Farbkanal erreichen.
Im Vergleich zur D3 ist auch der hinzu gekommene Blitz auffällig. Dieser kann bei Bedarf aufgeklappt werden. Wie für alle internen Blitze kann jedoch auch der der D700 keine Wunder vollbringen. So wurde bei seiner Verwendung – wie bei allen anderen internen Blitzgeräten auch – eine sehr frontale und zu Schlagschatten neigende Ausleuchtung beobachtet. Daher ist es fraglich, warum Nikon in die D700 einen Blitz eingebaut hat. Das Klientel dieser Kamera besitzt in der Regel schon externe Blitzgeräte und wird daher nur äußerst selten vom internen Blitzgerät Gebrauch machen.
Das Bedienkonzept der D700 wurde subtil überarbeitet. Die Rückseite der Kamera erinnert auf der linken Seite der D300 und auf der rechten Seite an die D3. Vor allem hat die D700 den Multi-Selektor der D3 geerbt, der sehr gut platziert ist. Auffällig ist jedoch das fehlen einer Verriegelung für das Kartenfach der Kamera unterhalb des AF-Modus-Wahlhebels. Im Gegensatz zur D3 und D300 wird das Kartenfach durch Zurückziehen des Deckels und anschließendem Wegklappen geöffnet. In der Praxis konnte kein ungewolltes Öffnen festgestellt werden. Unter diesem Deckel verbirgt sich ein weiterer Unterschied zur D3. Die D700 nimmt „nur“ eine CF-Karte auf, anstatt zwei. Dieses Ausstattungsmerkmal der D3 ist zwar durchaus zur Nachahmung empfohlen, doch wird sich vermutlich kein D700-Fotograf über das Fehlen des zweiten Kartenfachs ärgern, da es nur in Grenzsituationen beispielsweise beim Fotojournalismus interessant ist – eine klare Domäne der D3.
Unterhalb des AF-Modus-Wahlhebels befindet sich nun eine Info-Taste, die auf dem rückseitigen 3’’ großen Display der D700 alle wichtige Informationen einblendet. Durch ein weiteres Klicken auf diese Taste können wichtige Einstellungen schnell und unkompliziert vorgenommen werden, ohne in das Kameramenü abtauchen zu müssen. Ein ungemeiner Vorteil, wenn es schnell gehen muss. Sehr schön ist nun, dass die Funktionstaste mit praktisch jeder Funktion des Menüs belegt werden kann.
Der Sucher

Beim Blick durch den Sucher der D700 offenbart sich sogleich ein wichtiger Unterschied zur D3. Der Sucher ist etwas kleiner und weniger hell, als der der D3, aber dennoch hervorragend. Die Bildfeldabdeckung der D700 beträgt „nur“ 95 %, was in der Praxis in Grenzsituationen relevant ist, in vielen Aufnahmebereichen jedoch kein Problem darstellt. Im Unterschied zur D300 besitzt die D700 eine andere Mattscheibe, die etwas besser als die der D300 ist, aber nicht die Mattscheibe der D3 erreicht. Sehr schön ist bei der D700 die Möglichkeit wie bei der D300 Gitterlinien einzublenden, die die Bildkomposition erleichtern – ein Vorteil gegenüber der D3. Verwendet man Objektive, die eigentlich für das kleinere DX-Format konstruiert sind, schaltet die D700 automatisch in einen DX-Modus mit etwa 5 MP um. Dies zeigt die Kamera durch einen eingeblendeten Rahmen im Sucher an, der jedoch das äußere unzureichend ausgeleuchtete Bildfeld nicht ausblendet. Diese Funktion bleibt der D3 vorbehalten – eigentlich schade. Auf der anderen Seite ist die D700 eine Vollformatkamera, so dass dies eher selten problematisch sein sollte.
Der Autofokus
Seit dem Aufkommen der digitalen Spiegelreflexkameras wird in vielen Tests ein wichtiges Ausstattungsmerkmal der Kameras nur noch wenig beachtet: der Autofokus. Vielleicht hängt es daran, dass die meisten professionellen Kameras einen sehr guten Autofokus besitzen. Die D700 besitzt ähnlich wie die D3 das Multi-Cam3500FX AF-Modul, das nicht mit dem in der D300 verbauten Multi-CAM3500DX verwechselt werden sollte. Wie in der D3 decken die 51 Messfelder des Multi-CAM 3500FX einen kleineren Bereich des Bildfeldes ab, als das in der D300 verbaute Multi-CAM 3500DX Modul, was auf den größeren Sensor der D700 bzw. D3 zurückzuführen ist. Der abgedeckte Bereich ist jedoch mehr als ausreichend groß, um auch außermittige Objekte zu erfassen. Die Geschwindigkeit des Autofokus der D700 ist mit dem der D3 vergleichbar und damit etwas schneller als der Autofokus der D300. Besonders schön ist das spontane Ansprechverhalten des Autofokus. Gewöhnungsbedürftig für viele Nikon-Fotografen dürfte jedoch die große Anzahl an Messfeldern sein. Ein Umstand, an den man sich glücklicherweise sehr schnell gewöhnt;-)
Die inneren Werte

Ein weiterer Vorteil gegenüber der D3 ist das neu hinzugekommene Reinigungssystem auf Basis von Vibrationen für den Schutzfilter des Sensors. Da die Kamera noch nicht lange genug auf dem Markt ist, um eine ernsthafte Aussage über die Qualität der Staubentfernung zu machen, sei nur so viel gesagt: Bisher konnte ich auch nach 3000 Bildern noch keine Staubkörner auf dem Sensor finden. Ich bin gespannt wie lange dies anhalten wird. Auf jeden Fall halte ich euch auf dem Laufenden.
Da der Sensor in der D700 der gleiche wie in der D3 ist, konnten in der Praxis kaum Unterschiede bei der Bildqualität festgestellt werden. Auch bei hohen Empfindlichkeiten neigt die D700 ebenso wie die D3 nur zu geringem Rauschen und einem hohen Dynamikumfang. Dies macht praktisch rauschfreie Aufnahmen bei ISO 800 möglich und selbst höhere Empfindlichkeiten verlieren ihren Schrecken. Der links abgebildete Ausschnitt aus den Schatten des Aquariumsfoto wurde bei ISO3200 aufgenommen. Wer schon einmal in einem Aquarium fotografiert hat, der kennt diese überaus schwierigen Lichtbedingungen und weiß daher das Bildergebnis um so mehr zu schätzen: kaum digitales Rauschen selbst unter widrigen Bedingungen!
Die Auflösung ist wie bei der D3 ausgesprochen hoch und attestiert der D700 überragende Bildresultate. Auch auf Seiten der Bildverarbeitung setzt die D700 auf bekannte Verfahren aus der D3 und D300. So sind die bekannten Bildcharakteristika ebenso an Bord, wie das praktische „Active D-Lightning“, das dynamisch den Kontrast des Bildes anpassen kann. Wer jedoch nicht Nikons eigenen RAW-Konverter Capture NX2 verwendet, der kann diese Option getrost deaktivieren, da sie nur von dieser Software verwendet werden kann. Darüber hinaus wirkt das Active D-Lightning auch auf jpg-Bilder. Für die anspruchsvolle Fotografie ist dieser Ausweg jedoch eher hinderlich. Bisher konnte ich keine Fälle feststellen, bei der ich nicht auch in der Nachbearbeitung ein gefälliges Ergebnis erzielen konnte und dies ganz ohne den Einsatz von Active D-Lightning.
Wie die D3 zeichnet die D700 die RAW-Dateien auf Wunsch mit 14 bit Datentiefe auf. Der Unterschied zwischen Raw-Daten mit 12 und 14 bit scheint jedoch zur Zeit eher akademischer Natur zu sein. Erst bei starken Fehlbelichtungen offenbart die höhere Datentiefe ihre Vorteile, da sie mehr Spielraum bei der Zurückgewinnung von verlorenen Lichtern besitzt. Allerdings sei angemerkt, dass in solchen Fällen meist kein wirklich brauchbares Bild mehr erreicht werden kann.
Fazit:
Die D700 ist eine sehr gelungene Kamera mit Vollformatsensor in einem kompakten Gehäuse. Sie hat von der D3 die meisten Funktionen geerbt. Sie empfiehlt sich daher für all jene, die sich einen Vollformatsensor in einem kleinen Gehäuse wünschen und oft hohe ISO-Empfindlichkeiten benötigen. Arbeitet man hingegen häufig mit einem Hochformathandgriff, ist die D3 klar die bessere Alternative, da sie leichter und kleiner als die Kombination D700 + MB-D10 ist. Aus diesem Grund ist die D700 für mich als Makrofotograf erste Wahl, da ich so ohne große Umstände am Balgengerät arbeite kann, ohne dass mich ein Hochformathandgriff behindert. Auch die inneren Werte stimmen. Im Gegensatz zu den meisten Kameras mit DX-Sensor besitzt die D700 ein Rauschverhalten, das den Schrecken vor hohen ISO-Werten unnötig macht. Der Mut Nikons eine Kamera mit einer verhältnismäßig geringen Auflösung für eine Vollformat-Kamera herauszubringen hat sich also wie bei der D3 voll und ganz gelohnt.


