Tierfotografie – Kriterien für die Objektivauswahl
22.Juli 2009 von Claus Brandt
aus der Rubrik Tierfotografie
Gute Ratschläge von Freunden, Testberichte in Fotomagazinen und eine nahezu unbegrenzte Meinungsvielfalt im Internet machen es einem Anfänger nicht unbedingt einfach, sich für das richtige Teleobjektiv zu entscheiden.
Um die Auswahl nach der Entscheidung für eine Brennweite weiter zu Strukturieren, empfehle ich die Konzentration auf wenige für die Tierfotografie entscheidenden Kriterien.
Ohne zunächst zu sehr auf die technischen Details einzelner Objektive einzugehen (dass überlasse ich lieber den kompetenten Fachredaktionen der Foto-Magazine), sollten Sie die folgenden Kriterien für die Beurteilung eines Objektivs berücksichtigen. Meine persönliche Gewichtung entspricht der hier aufgeführten Reihenfolge:
Lichtstärke
Ein bei vielen Anfängern unterschätztes Kriterium für die Auswahl eines Objektivs ist dessen Lichtstärke. Ist die Entscheidung für eine Brennweite (meistens fälschlicher Weise zu viel …) gefallen, fällt der zweite Blick meistens nur noch auf den Preis oder das Gewicht.
Die Lichstärke eines Objektivs beziffert das Verhältnis zwischen der größten effektiven Öffnung (Durchmesser Frontglas) und der Brennweite. Sie bestimmt im Wesentlichen 2 Faktoren:
1. Die Verschlusszeit
Je lichtempfindlicher das Objektiv, desto kürzere Verschlusszeiten lassen sich bei Offenblende realisieren. Für die Tierfotografie mit einem 300mm Teleobjektiv an einer APS-C Kamera benötigen Sie wenigstens 1/400 sek., besser kürzer. Diese „ideale“ Verschlusszeit ergibt sich zum Einen durch die bekannte Formel Verschlusszeit = 1/(Brennweite x Cropfaktor)“ für die Fotografie aus der Hand. Zum Anderen durch die Tatsache, daß sich Tiere bewegen (!) und nur durch kurze Verschlusszeiten scharfe Bilder entstehen können.
Gehen Sie doch einmal am spätend Abend bei schönem Licht mit Ihrem vorhandenen Objektiv vor die Tür und prüfen Sie, welche Verschlusszeit Ihnen der Belichtungsmesser Ihrer Kamera bei eingestellter Blende 5.6 oder 6.3 (das ist die gängige Lichtstärke der Einsteiger-Objektive mit größerer Brennweite) ausrechnet. Passen Sie ggf. die ISO solange an, bis Sie in den Bereich der 1/400 sek. gelangen. Na, überrascht? Falls Sie gerade keine Lust haben, vor die Tür zu gehen: Häufig ist zum Erreichen dieser Verschlusszeit ISO 400 oder höher nötig – was bei der Qualität der aktuellen digitalen Spiegelreflexkameras aber gar kein Problem mehr darstellt.
Wenn Sie als Einsteiger bereits tapfer ein Stativ verwenden, gilt übrigens auch diese Untergrenze der Verschlusszeit. Das Tier bewegt sich schließlich nicht weniger, nur weil Sie Ihrer Kamera 3 Aluminium-Füße spendieren …
2. Geschwindigkeit des Autofokus
Ein Blick in die Bedienungsanleitung Ihrer Kamera verrät Ihnen, dass die Funktion des Autofokus nur bis zu einer Blende von 5,6 gewährleistet ist. Das bedeutet im Umkehrschluss, daß mit zunehmender Lichtstärke der Autofokus präziser arbeitet, da die Scharfstellung bei Offenblende erfolgt. Während Sie bei einem Objektiv mit einer Lichtstärke von 5.6 bei etwas schlechteren Lichtverhältnissen teilweise Schwierigkeiten mit der Scharfstellung bekommen können, erfasst der Autofokus das Motiv bei Lichtstärke 4.0 oder gar 2.8 deutlich präziser. Somit können Sie sich mehr auf die Bildgestaltung konzentrieren und ärgern sich weniger über verpaßte Bilder aufgrund eines suchenden Autofokus.
Verwacklungsreduzierung – fast unwichtig …
Die Prospekte der Hersteller versprechen bei Einsatz Ihrer Technik zur Verwacklungs-Reduzierung scharfe Bilder bei bis zu 4-fach längerer Verschlusszeit (Nikons VR II). Für das Foto eines Igels im Winterschlaf ist das sicher sinnvoll. Für alle anderen Aufgabenstellungen in der Tierfotografie ist die Verwacklungsreduzierung jedoch eher kontraproduktiv. Scharfe Bilder entstehen hier durch kurze Verschlusszeiten, und die Verwacklungsreduzierung bremst die Scharfstellung durch den Autofokus teilweise aus. Von daher kann man vor allem als Einsteiger absolut bedenkenlos auf ältere, gebrauchte Objektive ohne diese Technologie zurückgreifen.
Stativ-Fuss
Bei Verwendung größerer Brennweiten wird aus Gewichtsgründen nicht mehr das Kameragehäuse, sondern das Objektiv auf dem Stativ befestigt. Achten Sie beim Kauf darauf, daß die so genannte Stativschelle mit zum Lieferumfang gehört. Beim Canon 4.0/70-200mm ist das zum Beispiel leider nicht der Fall. So enstehen dann neben zusätzlichen Kosten auch häufig noch Wartezeiten aufgrund der Lieferengpässe der Hersteller.
Wichtig ist ein guter Lauf des Objektivs in der Stativschelle, das bedeutet, daß sich das Objektiv mit montierter Kamera (!) auf dem Stativ gut vom Querformat ins Hochformat drehen läßt. Eine zu feste oder gar ruckelige Drehung wird Sie auf Dauer nerven und den Spaß am Objektiv verderben.
Idealerweise befinden sich im Stativ-Fuss 2 Gewinde für die Anbringung einer Schnellwechsel-Platte. Leider wird hier sehr häufig gespart. Unverständlich, denn erst durch das 2.Gewinde ist eine Verdrehsicherheit der Schnellwechsel-Platte gewährleistet.
Gewicht
Achten Sie auf das Gewicht Ihres Objektivs. Montieren Sie im Fotofachhandel an Ihre eigene Kamera und überlegen Sie sich gut, ob Sie bereit sind, dieses Gewicht längere Zeit im Rucksack zu transportieren.
Im letzten Teil der Serie zu Objektiven kommt „Butter bei die Fische“. Seien Sie gespannt auf meine ganz persönlichen Objektiv-Empfehlungen für Einsteiger.