Mein Hadern mit dem Vollformat
05.August 2009 von Claus Brandt
aus der Rubrik Tierfotografie
Jahrelang hatte Fritz Pölking Canon und Nikon angefleht, endlich ein Zoomobjektiv zu bauen, das den Brennweitenbereich von 300-500mm bei einer akzeptablen Lichtstärke abdeckt. Im Jahr 2003 war es dann soweit: Nikon bringt mit dem AF-S 4/200-400mm VR das Traumobjektiv für Tierfotografen auf den Markt.
An einer Nikon D2x wurde das mit 3275g relativ leichte Objektiv durch den Cropfaktor von 1,5 zum Supertele mit 300-600mm Brennweite. Vorbei war die Zeit der verpaßten Chancen, vorbei das Wuchten von über 5kg schweren und teuren 600mm Objektiven.

Traumobjektiv für Tierfotografen: Das Nikon AF-S 4/200-400mm VR Foto: Nikon
Alles was noch fehlte, war ein Sensor, der bei ISO 800 nicht rauscht wie der Fernseher bei Sendeschluss vor 30 Jahren. Nikon reagierte mit der D3 und D700. Rauschen ist fast ein Fremdwort, doch der Preis ist hoch: Das 200-400mm wird wieder zum „normalen“ 200-400mm. Vollformat ist in aller Munde, und auf der Podiumsdiskussion des GDT Naturfotofestivals in Lünen 2008 bekennen die Vertreter von Nikon und Canon, daß es (Stand Oktober 2008) im Profisegment zukünftig nur noch Sensoren im guten alten KB-Format geben wird.
Jetzt haben wir also unsere Kameras, bei denen wir uns um die ISO quasi nicht mehr kümmern müssen. Selbst bei ISO 3200 ist die Bildqualität in Ordnung. Bei schlechten Lichtverhältnissen können Objektive zugunsten von Schärfentiefe oder besserer Abbildungsleistung abgeblendet werden, und die Verschlusszeit bleibt angenehm kurz.
Aber die Brennweitenverlängerung, die hat man uns genommen. So halten die 500er und 600er Superteles wieder Einzug in die Fototaschen derjenigen Profis, die vor wenigen Jahren genau diese Objektive unter Verlust Ihres mühsam erwirtschafteten Geldes verkauft haben, um sich Ihr Traum-200-400mm zu kaufen.
Und was ist, wenn Nikon nun im Herbst eine Crop-Kamera auf den Markt wirft, die das gleiche gute Rauschverhalten hat, wie heute eine D3? Dann geht das Spiel von vorne los – ein gutes Jahr später.
So stehen auch Profis im digitalen Zeitalter laufend vor neuen Entscheidung. Lediglich die Preisregionen sind andere als im Hobbybereich. Auch ich bin auf eine Vollformatkamera umgestiegen und habe mich von meinem gerade einmal 4 Jahre alten Nikon AF-S 4/200-400mm Objektiv getrennt. Der Abschied ist mir wirklich nicht leicht gefallen, aber es ist jetzt in guten Händen eines treuen Freundes und leistet an einer Crop-Kamera weiter gute Dienste.

Lichtstarker Bolide: Das Nikon AF-S 2.8/400mm VR Foto: Nikon
Sicher wollen Sie nun wissen, welches Objektiv ich mir stattdessen gekauft habe? Es ist wieder eine Festbrennweite geworden, ein Nikon AF-S 2.8/400mm VR. Erstens liebe ich lichtstarke Objektive (der Autofokus ist so schön schnell …), zweitens ist die Bildqualität selbst bei Offenblende so verdammt gut, daß ich mit 1,4-fach Konverter ein immer noch sehr gutes 4.0/560mm Objektiv zur Verfügung habe, und drittens…. wenn in ein paar Jahren die APS-C Kameras rauschunempfindlich sind, habe ich ein für Tierfotografie unbezahlbares 2.8/600mm. Das sind 3 Vorteile, die den Nachteil des fehlenden Zooms fast wieder aufwiegen.
Den Kollegen von Canon ist dieses hin und her, im Nachhinein betrachtet, erspart geblieben. Bislang sind sie erst gar nicht in den Genuß eines Supertele-Zooms gekommen und haben durch den gute Wahl der Sensorgröße mit einem Crop von 1,3 anständige Brennweitenverlängerungen ohne zu viele Kompromisse im Weitwinkelbereich.
Meine gute, alte D2x funktioniert übrigens noch immer hervorragend. Mit dem 2.8/400mm muss ich selten über ISO 400, und so bleibt die Bildqualität tadellos.
Das Nikon AF-S 2.8/400mm VR ist schön kompakt, passt noch in meinen Fotorucksack (Thinktank Airport Acceleration – siehe auch Fahim’s Trickkiste “Die Last mit dem Handgepäck” ) und lässt sich auch für die Flugreise gut verstauen. Außerdem pflegt es zwischenmenschliche Beziehungen: Es ist so schwer, dass mich mein Physiotherapeut nun häufiger sieht ….
Keep Smiling,
Claus